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Regenbogenkinder

Trennung, Tod, Verlust: Bei Rainbows findest du Hilfe.

Interview: Robert Dempfer


Die Palette der Gefühle, mit denen junge Menschen auf Verluste reagieren, ist so vielfältig wie das Farbspektrum des Regenbogens. Eine Trennung ist für alle Beteiligten eine Krise – aber auch eine Chance: für die Eltern auf mehr Lebenszufriedenheit; für Kinder auf bessere Entwicklungsbedingungen außerhalb eines Konfliktmilieus, sagt Mag. Dagmar Bojdunyk-Rack, Geschäftsführerin des Vereins Rainbows.


Jugendrotkreuz.at:
Frau Bojdunyk-Rack, jede zweite Ehe in Österreich wird geschieden. Halten manche Kinder eine Trennung besser aus als andere?

Dagmar Bojdunyk-Rack: Es gibt Kinder, die dafür besser ausgestattet sind als andere. Aber grundsätzlich stellt eine Trennung auch in ihrem Leben einen Einschnitt dar. Sie waren es gewohnt, mit den Eltern zusammenzuleben. Plötzlich brechen dieser Schutz, diese Sicherheit und Geborgenheit weg. Sie fühlen sich hilflos, weil sie spüren, dass sie die Situation nicht ändern können. Jetzt hängt viel davon ab, wie Mutter und Vater mit der Situation umgehen.

Was sollen sie tun? Was vermeiden?

Sich klar darüber sein, dass sie dem Kind eine Situation bereiten, die es traurig macht. Mit ihm über die Trennung sprechen. Eigene Konflikte hintanstellen. „Bitte hört endlich auf zu streiten!“ – das wünschen sich Kinder am meisten, wenn man sie fragt. Und: Eltern bleiben Eltern, auch wenn sie kein Paar mehr sind.

Ich kenne Kinder, die auf eine Trennung völlig unaufgeregt reagiert haben.

Bei solchen Kindern wenden sich die Reaktionen oft nach innen. Sie wollen nicht auffallen, nicht zusätzlich Anlass zu einem Konflikt geben. Sie sind ganz ruhig und in sich zurückgezogen. Auf solche Kinder sollte man besonders achten. Sonst besteht die Gefahr, dass es mit Verzögerung zu sehr viel massiveren Reaktionen kommt.

Mit welchen Problemen kämpfen denn Trennungskinder am häufigsten?

Das hängt von ihrem Alter, ihrer Persönlichkeit und dem Umgang der Bezugspersonen mit der Trennung ab. Aber sowohl Kinder als auch Jugendliche fühlen immer ein Stück Mitschuld an der Trennung.

Auch, wenn sie noch ganz jung sind?

Säuglingen fehlen zwar die kognitiven Fähigkeiten, um zu verstehen, warum sich Eltern trennen. Dafür übernehmen sie sehr stark deren Emotionen. Sie spüren, dass etwas nicht rundläuft. Kindergarten- und Vorschulkinder beziehen alles, was geschieht, auf sich. Man kennt das: Wenn ich mich angehaut hab, dann ist der Sessel daran schuld. In dieser Phase beziehen sie daher auch die Trennung der Eltern zu hundert Prozent auf sich.

Weil ich nicht brav war, trennen sich Mama und Papa ...

... ja. In der Schule gibt es Schwierigkeiten, die Eltern haben unterschiedliche Erziehungsansichten, es gibt viele Gründe, verschiedener Meinung zu sein. Dann gibt’s Streit zwischen den Eltern. Den erlebt das Kind mit. Plötzlich kommt es zur Trennung, und das Kind zieht daraus den Schluss: Wegen mir haben meine Eltern gestritten, und deshalb trennen sie sich jetzt auch.

Aber Konflikte lassen sich in keiner Beziehung vermeiden.

Das ist klar. Aber im Fall einer Trennung fehlt die übliche Versöhnung, das ist der Unterschied. Schulkinder reagieren oft mit Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungsabfall. Wegen der emotionalen Belastungen können die kognitiven Herausforderungen nicht bewältigt werden. Auch psychosomatische Symptome wie Kopf- und Bauchschmerzen können auftreten.

Soll man mit einer Trennung warten, bis die Kinder größer sind?

Kinder haben in jedem Alter unterschiedliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Eine Trennung ist immer eine zusätzliche Aufgabe. Deshalb kann man nicht sagen: Mit fünf Jahren bewältigen Kinder das besser als mit vierzehn. In der Pubertät stehen die Ablösung von den Eltern und die Identitätsfindung im Vordergrund. Wenn sich die Eltern in diesem Alter trennen, bricht das System weg, von dem das Kind sich ablösen will. Zudem stellt es sich die Frage: Werde ich in meinen eigenen Beziehungen auch scheitern?

Beziehen Kinder nach einer Trennung Partei?

Auch, dass sie sich in einem Loyalitätskonflikt befinden, kann man in jedem Alter feststellen. Kinder erleben sich als zwischen den Eltern stehend, zwischen der Mamawelt und der Papawelt. Das heißt: Wenn ich mit der Mama zusammen bin, muss ich auf den Papa verzichten und umgekehrt.

Sie wollen es beiden Eltern recht machen.

Genau.

Aber das geht nicht.

Nein. Deshalb muss man Kindern immer vermitteln, dass es beide Eltern gern haben darf. Dass es in Ordnung ist, wenn es zu beiden Eltern Kontakt hält. Auch das Weggehen vom einen zum anderen Elternteil ist wieder ein Trennungserlebnis: Ich muss mich von Mama trennen, damit ich beim Papa sein kann, und umgekehrt. Was das Kind gerne möchte, nämlich beide Eltern zu haben, das geht nicht mehr.

Mit welchen Ängsten sind Trennungen verbunden?

Eine Trennung verstärkt Verlustängste. Wenn der Papa oder die Mama auszieht – wer garantiert mir, dass der andere Elternteil bei mir bleibt? Diese Ängste übertragen sich auf andere Lebenssituationen: Kinder gehen ungern in den Kindergarten, wollen nicht mehr in die Schule. Weil sie fürchten, dass sich inzwischen etwas verändert, das sie nicht beeinflussen können.

Sind diese Gefühle wichtig für die Bewältigung einer Trennung?

Sie sind wichtig, notwendig und gesund. Durch die Trennung ist ein Ungleichgewicht entstanden. Die Emotionen sind ganz konkrete Aktionen der Kinder, um ihr psychisches Gleichgewicht wiederzufinden.

Und Rainbows gibt Kindern den Raum, um diese Emotionen auszuleben?

Ja, das ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Die Kinder sollen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle finden. Damit sich Wut und Aggression nicht gegen sie selbst wenden. Sie lernen, Gefühle so zu kanalisieren, dass weder sie noch jemand anderer dadurch Schaden nehmen.

Warum unterstützt Rainbows Kinder auch nach dem Tod von Angehörigen?

Bei einer Trennung geht es um den Verlust der Familiensituation, der gewohnten Beziehungen. Und natürlich ist auch beim Tod der Verlust das zentrale Thema. Ein Mensch, der mir nahegestanden ist, ist gestorben. Der Umgang mit beiden Verlusterlebnissen ist ähnlich.

Auch ähnlich wie bei Erwachsenen? Oder trauern Kinder anders?

Wir sagen: Kinder springen von Pfütze zu Pfütze. Sie tauchen in die Trauer ein und auch ganz schnell wieder auf. In einem Moment sind sie sehr traurig und weinen. Im nächsten Moment sind sie wieder ganz fröhlich und spielen. Für Erwachsene ist das oft schwer zu verstehen, und sie glauben: Mein Kind trauert ja gar nicht richtig. Aber Kinder haben noch nicht die Fähigkeiten, mit so herausfordernden Situationen wie einem Todesfall umzugehen. Der rasche Wechsel zwischen den Gefühlen ist ihr Schutzmechanismus. 

Was ist das Besondere an den Rainbows-Gruppen?

Die Kinder in den Gruppen treffen auf einen Menschen, der nicht in das Trennungsgeschehen involviert ist. Unsere Gruppenleiterin steht dem Trennungsgeschehen neutral gegenüber. Und sie treffen andere Kinder, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie. Das ist sehr entlastend. Außerdem liegt die Trennung bei den Kindern einer Gruppe meist unterschiedlich lange zurück. Das heißt, einige Kinder können schon berichten: Bei mir war das gleich wie bei dir, und ich habe diese und jene Möglichkeit gefunden, damit umzugehen. Bei Rainbows begegnen einander also Gleichaltrige und Gleichbetroffene.

Wie lange liegt eine Trennung zurück, wenn die Kinder in eine Rainbows-Gruppe kommen?

Eine Teilnahme ist erst sinnvoll, wenn die räumliche Trennung schon ein paar Monate zurückliegt. Das Kind soll schon erlebt haben, wie sich der Alltag nach der Trennung gestaltet.

Oder wie er sich ändert, wenn die Eltern neue Partner finden?

Ja, einige Kinder kommen nach zwei, drei Jahren zu uns, wenn sich die Familiensituation wieder ändert. Wenn der Vater oder die Mutter einen neuen Partner hat oder wenn Stiefgeschwister geboren werden. Denn dann wird noch einmal ganz klar: Meine Eltern kommen nicht mehr zusammen.

Sind die Eltern in die Gruppen eingebunden?

Die Gruppentreffen finden alleine mit den Kindern statt. Die Gruppen bestehen aus zirka vier Kindern etwa im gleichen Alter und einer Gruppenleiterin. Es gibt 14 wöchentliche Gruppentreffen über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Für die Eltern gibt es am Beginn, nach den ersten sieben Treffen und am Ende ein Gruppengespräch. Wichtig ist uns, dass wir beide Eltern erreichen. Denn Mutter und Vater sein hört mit der Trennung nicht auf. Eltern ist man ein Leben lang.

Soll der Kontakt zu beiden Elternteilen bestehen bleiben?

Ja, es ist sehr wichtig, dass das Kind zu beiden Elternteilen möglichst viel Kontakt hat. Fixe und klare Zeiten helfen einem Kind, sich besser auf die gemeinsame Zeit mit dem anderen Elternteil einzustellen. In der Pubertät sollten Jugendliche die Besuchszeiten dann mitgestalten dürfen.

Soll man die gemeinsame Elternschaft durchhalten?

Ja, dem Kind muss vermittelt werden: Mama und Papa sind für dich da, auch wenn sie nicht mehr zusammenleben.

Vorher brauchen die Kinder also vor allem Klarheit?

Sie brauchen immer ganz viel Klarheit und ganz viel Information: Was verändert sich in meinem Leben? Was bleibt gleich? Kinder machen sich sonst ihre eigenen Gedanken und Fantasien. Und die, das kennt man auch als Erwachsener, sind oft sehr viel bedrohlicher als die Realität.

Aber um die Trauer, um die Trennungsschmerzen kommt man nicht herum?

Nein. Das Trauern ist auch ein wichtiger Schritt. Kinder sind traurig, weil es das, was sie lieb haben, nicht mehr gibt. Dazu kommt eine ganze Palette weiterer Gefühle. Wut auf die Eltern, die es nicht geschafft haben, zusammenzubleiben. Wut auf sich selbst, dass man es nicht geschafft hat, dass die Eltern zusammenbleiben.

VEREIN RAINBOWS

RAINBOWS hilft Kindern und Jugendlichen in stürmischen Zeiten – bei Trennung, Scheidung oder Tod naher Bezugspersonen. Die Kinder lernen, Trauer aufgrund von Trennungs- und Verlusterlebnissen mitzuteilen und zu verarbeiten, damit das Leben in der veränderten Familiensituation positiv gestaltet werden kann.

www.rainbows.at

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